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Dienstag, 17. Januar 2023

The future of exams according to ChatGPT

 Artificial Intelligence (AI) is the current buzzword of digitization, and generative AI for creating texts (e.g. ChatGPT), images (e.g. DALL-E) produces the most memorable results for a wide audience. As is always the case with software innovation, the longer-standing development of middleware (OpenAI) with its data science algorithms has not received the same media response, simply because it is harder to understand and image. With generative AI, it's easier, and that starts the hype curve -- from inflated expectations to disappointed illusions.

For education, the capabilities of generative AI, especially in text creation, represent both risk and opportunity. The range of AI support in this regard is broad. Arguably, no one would object to assistance in creating an outline, an abstract, help with translation into English, or making sure a text is grammatically correct. We have problems with the fact that in the preparation of an examination performance (especially as a text: exam, term paper) the performance of the AI is so comprehensive that it eclipses the individual performance of the human examinee. We would like to measure and evaluate the individual performance of the examinee!

As long as we measure the performance of the human in a category that can also be done by the machine, we have only ourselves to blame. There is a reason that after the advent of the pocket calculator we no longer ask for mental arithmetic in school math exams. Both in the teaching of knowledge and in the measurement of performance, we have to be realistic about the fact that environmental conditions have changed and a new technology is available for the long term.

To make it as realistic and practical as possible, we prepare students in an exam for a real situation of a task solution under time pressure:

1980er: "Meier, please come quickly to the boss and explain why the booking was done this way. You have learned that, haven't you?". The logical form of examination for this is a "closed book" exam, in which you have to reproduce something you have learned by heart without any aids and with only paper and pencil. Why? Precisely because the practice later asks exactly the same questions as we ask in the exam.

2000er: "Meier, in two hours the presentation will be at the board and we need a quick compilation with the proposal and the reasoning. Fire up the Internet and find some sources." This is, of course, an "open book" retreat, where all the tools are available, but the solution must be aggregated, concisely summarized, and presented from a variety of relevant and irrelevant information. (If, beyond this compilation and with a little more time, all available information is sifted and an own idea is to be developed on this basis, we are at the examination performance of the written term paper or thesis. This is already "open book" anyway).

We can presumably assume that from 2023 onwards, it will no longer be just "the Internet that is switched on", but Mr. or Mrs. Meier will use a generative, text-creating AI such as ChatGPT to solve problems in the business reality of the future. Consequently, we will also have to adapt our university examinations accordingly. In any case, prohibiting AI will not lead us into the future.

Translated with DeepL

Dienstag, 20. September 2022

Zwei neue Empfehlungen zur Digitalisierung der Hochschullehre -- von Ministerien, für Ministerien (1/2)

Im Sommer 2022 waren die deutschen Hochschulbildungsgremien nicht untätig. Zwei neue Empfehlungen wurden veröffentlicht. Im Juli 2022 gab der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen zur Digitalisierung in Lehre und Studium heraus. Im September 2022 zog die Kultusministerkonferenz mit ihrem Gutachten zur Digitalisierung im Bildungssystem nach.

Wie die Titel der beiden Reports schon sagen, geht es nicht um die Digitalisierung der Universitätsverwaltung und auch nicht um eine digital unterstützte Forschung. Das ist wieder einmal schade und zu kurz gegriffen. Diese drei Bereiche müssen zusammen gedacht und behandelt werden!

In diesem ersten von zwei Blogposts geht es um das Gutachten der KMK.

Die Empfehlungen der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK für den Bildungsbereich Hochschule sind in drei Bereichen gruppiert. Da in der KMK die Länderministerien über ihr eigenes Vorgehen diskutieren, richten sich die Empfehlungen an die Ministerien, nicht an die Hochschulen und nicht an deren einzelne Lehrende.

Die Stärkung digitaler Kompetenzen bei Studierenden und Dozierenden hätte ich mir gerne vor der Covid-Pandemie thematisiert gewünscht. Faktisch haben wir in den letzten beiden Jahren hier einen großen Sprung gemacht, und ich gehe davon aus, dass die beiden nächsten Abiturientenjahrgänge so viel Erfahrung aus dem Homeschooling mitbringen, dass wir darauf gut aufbauen können. Etwas wohlfeil ist der Ruf nach Fortbildung für Lehrende -- das ist an den meisten Hochschulen längst etabliert, aber es wird zu wenig genutzt. Das liegt auch an der Bequemlichkeit der Lehrenden, aber noch viel mehr an der mangelnden Anrechenbarkeit digitaler Lehre auf das Lehrdeputat. Die meisten Hochschulen können nicht selber entscheiden, wie das Lehrdeputat gestaltet wird. Hier sind die Länderministerien selbst gefragt!

Beim Aufbau technischer, räumlicher, fachdidaktischer und rechtlicher Strukturen sehe ich uns CIOs auf jeden Fall mit im Boot. Aber auch hier hängen wir von den Ministerien ab. Um BYOD  nutzbar zu macht, braucht es WLAN. Das ist dort schwierig zu installieren, wo wir Hörsäle im Inneren von Stahlbetongebäuden aus den 1970ern vorfinden. Davon gibt es leider nicht so wenige, und diese stehen seit Jahren auf der Bauliste der jeweiligen Länder. Auch für den Übergang zwischen dem physischen und dem digitalen Raum brauchen wir Baumaßnahmen, z.B. um Seminarräume mit Videokonferenztechnologie auszurüsten. Dass wir schließlich IT-Personal so bezahlen müssen, wie es am Personalmarkt üblich ist, sollte selbstverständlich sein, daran hindert uns aber das starre Stellenkorsett des öffentlichen Dienstes.

Die Empfehlung zur Entwicklung von Lehr- und Digitalisierungsstrategien gebe ich gerne weiter und verstärke sie sogar. Wir haben uns an der Uni Bayreuth bereits zum zweiten Mal eine eigene Digitale Agenda gegeben, die uns bis 2025 leiten soll. Gleichzeitig haben wir CIOs in Bayern für alle Hochschulen eine Digitalisierungsstrategie erstellt und setzen diese in einer hochschulübergreifenden Kooperation als Digitalverbund um. Die Empfehlung der KMK fokussiert eher auf den Austausch von Lehr- und Lernmaterial (Open Educational Resources); das ist mir zu kurz. Die wirkliche Musik in der Kooperation spielt finanziell in gemeinsamen Verwaltungsprozessen, z.B. im Einkauf, oder in der Zusammenarbeit in der IT-Sicherheit.







Freitag, 26. August 2022

Nach dem Ende der Pandemie folgt das Ende der Digitalisierung an den Unis -- oder nicht?

Das kollektive Aufatmen zu Beginn des Sommersemester 2022 war an meiner Universität deutlich hörbar. Endlich konnte wieder normale Präsenzlehre durchgeführt werden. Normale Klausuren, ohne Hilfsmittel und in großen Hörsälen wurden geschrieben. Die Lehrenden bauten die Influencerlampen auf ihren Schreibtischen ab, die sie zum Ausleuchten ihrer Vorlesungsaufzeichnungen verwendet hatten. Sitzungen von Fakultätsräten konnten auf mobile Videokonferenzkameras verzichten, deren Freisprecheinrichtungen die remote zugeschalteten Teilnehmer wegen des Halls sowieso nicht verstanden.

Alles wieder auf Anfang?

Nachdem die Corona Epidemie vorbei ist, könnte man auf die Idee gekommen, dass man auch der Digitalisierung der Universitäten Einhalt gebieten könnte. War es nicht mühsam und teuer mit der digitalen und hybriden Lehre? Könnte man nicht viel Geld sparen, indem die Zoom-Campuslizenz für alle aufgegeben, die Office365-Lizenz ohnehin wegen Bedenken der Datenschützer verboten und die Durchführung von Fernklausuren inkl. der Plagiatsüberprüfungen eingestellt wird?  

Es geht aber nicht nur um die Lehre. Auch in der Forschung möchten viele zurück in das Jahr 2019 und davor. Wissenschaftliche Konferenzen sollten wieder mit Flugzeugen angeflogen werden, oder? War es nicht schön, sich 24 Stunden in einen Flieger zu setzen um irgendwo in der Welt eine halbe Stunde zu 10 Zuhörern zu sprechen, die man vorher noch nie gesehen hatte und die keine Frage stellten? 

Diese kleine Überspitzung zeigt, dass es kein zurück gibt und auch nicht geben kann. Fast alle Konferenzen, die ich kenne, werden mittlerweile hybrid durchgeführt. Das ist für eine globale Verbreitung des Wissens absolut sinnvoll und erlaubt es dennoch denjenigen, die vor Ort teilnehmen, die so wichtige zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen. Den richtigen Weg zur hybriden Lehre müssen wir aber noch finden. Das Pendel schwingt zurück in die andere Richtung, in eine vermeintlich bessere Vergangenheit.  Eine Welt in der alle Studierenden brav aufgereiht vor dem Dozenten im Hörsaal sitzen, wird als erstrebenswert angesehen. Es entspricht dem häufigen Normalfall vor der Corona-Pandemie und nährt so die Illusion von der guten alten Hochschulzeit. Vor dieser Art von Hörsaalromantik sollten wir uns hüten.

Mittwoch, 12. Januar 2022

Youtube oder: wer hilft den Studierenden beim Lernen


Man könnte ja auf die Idee kommen, dass Studierende ihr gesamtes Wissen aus der Universität beziehen. Sie würden dann in der Vorlesung zu Hunderten an den Lippen der Dozent*in hängen, mit Büchern (jeder Studierende ein Lehrbuch) in der Unibibliothek lernen und später aus dem Kopf auswendig gelerntes Wissen in einer mehrstündigen Klausur niederschreiben.

Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Und sie entsprechend auch nicht mehr dem Bedarf eines späteren Arbeitslebens, vollkommen unabhängig ob als Wissenschaftler:in, Angestellte:r, Selbständige:r, Gründer:in. Niemand sitzt später am Arbeitsplatz vor seinem Bildschirm und holt aus der Tiefe seines Wissens auswendig Gelerntes hervor. Der Schritt zum schnellen Googeln liegt nur einen Tastendruck entfernt. 

Während der Pandemie haben wir in den Hochschulen unsere Leistungsabfragen ohnehin anpassen müssen. Die bekannten Präsenzklausuren, für die die Uni-Sporthalle mit Einzeltischen aufwändig umgebaut wurde, machen Platz für videoüberwachte Fernklausuren im Open-Book-Format oder Take-Home-Exams, bei denen man unter Zeitdruck Texte schreibt und hochlädt. Ob das in der Form nach der Pandemie noch Bestand hat, wird sich zeigen -- im Moment schwingt das Pendel eher wieder in Richtung der Suche nach der "guten alten Zeit" mit Pen-and-Paper-Klausuren.

Die Frage ist jetzt aber: wie bereiten die (Hoch)-Schüler sich auf diese Klausuren vor? Gerade bei Open-Book und Take-Home kommt es auf das Verständnis an, auf Transfer, auf die Fähigkeit, unter Zeitdruck nicht erst langwierig nachschlagen zu müssen.

Im Schulbereich ist das der typische Einsatzfall für Nachhilfe; im Hochschulbereich z.B. Repetitorien. Youtube-Kanäle wie Lehrer Schmidt bieten diese Lernmöglichkeiten an: kurze Verständnisvideos zwischen 5 und 10 Minuten. Ein Vorbildformat für Universitäten? Dafür machen es leider noch viel zu wenige. 6 Minuten Jura ist so ein Kanal meiner eigenen Universität, eine private Initiative eines einzelnen Professors. Er erreicht damit mehr Studierende als mit seinen Vorlesungen. Aber machen wir Universitäten etwas damit -- strategisch? Wo sind die Hochschulen, die Youtube nicht nur als Abspielstation für ihre Promovideos, sondern als wirkliche Lernplattform einsetzen?

Samstag, 20. Juni 2020

Online-Prüfungen - Anforderungen und erste Erfahrungen


Mit Beginn der Corona-Krise im März 2020 wird klar, dass die zunehmende Online-Lehre die Frage nach sich zieht, ob wir auch Prüfungen als Online-Prüfungen anbieten müssen. Und das Thema stellt sich nicht erst am Ende des Sommersemesters, sondern umfasst auch gleich die letzten Klausuren des Wintersemesters und die Nachholklausuren zum Anfang des Sommersemesters. Die Universität Bayreuth hat daher sehr schnell die Einführung einer Softwareunterstützung beschlossen, um überhaupt die technischen Möglichkeiten zu schaffen, Online-Prüfungen durchzuführen. In diesem Moment waren die rechtlichen und organisatorischen Anforderungen noch nicht geklärt, aber uns war es wichtig, im Zweifelsfall überhaupt etwas anbieten zu können. Die von uns eingesetzte Lösung ist Wiseflow und unsere Einführungsphase (die ein Mitarbeiter passenderweise "Projekt Helter Skelter" betitelte) ging von Ostern bis Mitte Mai -- 4 Wochen für einen Prozess, der laut Anbieter ansonsten 4-6 Monate dauert.
Ab Ende Mai bis Mitte Juni haben wir in der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät insgesamt 10 schriftliche Online-Prüfungen angeboten, alternativ zu gleichzeitig durchgeführten Präsenz-Prüfungen auf dem Campus. Die Erfahrungen aus dieser Durchführung möchte ich hier einmal kurz darstellen.

Zwei wesentliche Anforderungen an Online-Prüfungen sind Chancengleichheit und Rechtssicherheit. Chancengleichheit hilft den Studierenden im Moment des Klausurschreibens, Rechtssicherheit hilft der Hochschule bei Zweifeln im Nachgang der Klausurbewertung. Beide Anforderungen sind miteinander verknüpft.

Chancengleichheit haben wir dadurch erreicht, dass wir die Online-Prüfung und die Präsenzprüfung in identischer Weise durchgeführt haben. Beide Prüfungen finden zur gleichen Zeit und mit den gleichen Fragen statt, jeweils im Open-Book-Format. Damit ist die einzige Unterscheidung zwischen beiden Formen die Ausreichungsform (Papier oder Digital) und die Ausgestaltung der Aufsicht. Bei den Präsenzprüfungen, die wir wegen der Abstandsregelungen über mehrere Räume verteilen müssen, ist die Beachtung der Hygienevorschriften neu dazugekommen. Das Team bei den Onlineprüfungen muss auch technische Fragen lösen können.

Freitag, 12. April 2019

Die Playlist der Hochschullehrenden

Die Verfügbarkeit aller Arten von Informationen auf dem Internet bringt uns zu einer neuen Rolle der Professorinnen und Professoren in der Hochschullehre. Sie werden zu vertrauenswürdigen Vermittlern für den Wissenserwerb.

Wenn ich als Professor für Vorlesungen neue Lehrmaterialien vorbereite, suche ich selbstverständlich auch auf dem Internet nach passenden Grafiken, Fallstudien, Videos und anderen Informationen. Es ist immer wieder erstaunlich, welches Material sich dort findet -- es geht von unglaublich gut aufbereiteten Materialien (z.B. den TED-Talks von Hans Rosling, die man nahezu uneditiert und in voller Schönheit übernehmen kann) bis hin zu politisch einseitigen, eingefärbten oder schlicht falschen Informationen. Mit meinem Wissen und meiner Erfahrung nehme ich aus diesem Heuhaufen die fundierten und glaubhaften Medien heraus und präsentiere sie meinen Studierenden in der Vorlesung.

Je mehr externes Material ich in dieser Art einbinde, desto mehr erzeuge ich eine Playlist. In einem früheren Post hatte ich ja schon einmal die Musikanalogie bemüht, hier ist es ähnlich. Meine Studierenden bringen mir als Dozenten eine Art Grundvertrauen entgegen, dass die "Musik", die ich spiele, sie in ihrem Wissenserwerb weiterbringt.

*Früher* war die Dozent*in eine "single source of truth", ein "gatekeeper", der/die exklusive Informationen aus der Welt der Wissenschaft in die Lehrewelt übertrug. Früher war nur meine Musik zu hören, die ich selber gespielt habe. Neben dieser Quelle gab es die Bibliothek, ebenfalls durch eine Gatekeeper*in kuratiert, mit weiterführender Literatur.

Diese Welt hat sich verändert. Ähnlich wie beim Übergang von redigierten Enzyklopädien zur unredigierten Wikipedia muss sich damit auch die Rolle der früheren Gatekeeper verändern. Wir Professor*Innen müssen beim Versuch, unser Wissen zu teilen, ein anwachsendes Grundrauschen gefährlichen Halbwissens übertönen. Von allen Seiten und sogar während der Vorlesung strömen auf unsere Studierenden ungefilterte Musik, Texte und Bilder zu genau den Themen ein, die wir akribisch vorbereitet und sauber mit Zitaten unterlegt lehren wollen.

Was muss ich tun? Meine schöne Musik gegen das immer lautere Rauschen stellen und selber lauter werden, pointierter, meinungsstärker, zugespitzter, damit ich gehört werden? Damit vielleicht weniger ausgewogen und weniger wissenschaftlich? Das kann es nicht sein.

Als meine Aufgabe sehe ich jetzt vielmehr, aus den verfügbaren Musikstücken (= Informationen aus aller Welt) eine Playlist für die Studierenden zusammenzustellen. Diese Playlist ist kuratiert, ihr kann gefolgt werden, sie kann gelikt werden, sie bringt meine Studierenden einem Thema näher -- in einem für sie begreifbaren, natürlichen Prozess, der offensichtlich auch in anderen Bereichen Fuß fasst.

Wir müssen nur das not invented here-Syndrom bewältigen. Das gibt es auch bei Professoren, aber das wird ein anderer Post.

Montag, 27. November 2017

Sind Badges für die universitäre Lehre sinnvoll?

Von Zeit zu Zeit arbeitet sich die öffentliche Meinung an der angeblichen Praxisferne und der Überbetonung von Rigor über Relevanz in der universitären Lehre ab. Als neuestes Heilmittel werden gerne digitale Badges beworben. Worum handelt es sich dabei, was sind die Argumente der Befürworter und welche Gründe sprechen dagegen?

Digitale Badges sind im Prinzip Zertifikate oder Lernabzeichen, die man für den erfolgreichen Abschluss einer Lerneinheit erhält. Im universitären Alltag des letzten Jahrhunderts könnte man "den Schein" dazu zählen, der nach einer bestandenen Klausur dem Studierenden gestempelt ausgehändigt wurde und am Ende des Studiums in einem kleinen Heft, gestapelt und geheftet mit vielen anderen Scheinen, zum Prüfungsamt getragen und dort gegen ein Abschlusszeugnis eingetauscht wurde. In diesem Jahrhundert werden digitale Badges vor allem im Kontext von MOOCs vergeben, also nach Durchlaufen eines Onlinekurses. Sie können in digitaler Form mit einer Identität des Teilnehmers verknüpft werden, d.h. sie tauchen dann im öffentlichen Profil dieses Teilnehmers auf und können dort als bestätigte Kenntnisse z.B. einem zukünftigen Arbeitgeber präsentiert werden.

Offensichtlich verbirgt sich hier ein Geschäftsmodell, welches z.B. im Kauf von lynda.com durch LinkedIn offenbar wird. Wer ein LinkedIn-Profil besitzt und bei lynda.com kostenpflichtige Prüfungen absolviert, bekommt ein digitales Badge in seinem Profil. Was wiederum einen Anreiz für Arbeitgeber schafft, sich vor Einstellung eines Arbeitnehmers ausgiebig mit dessem LinkedIn-Profil zu beschäftigen und damit für Arbeitnehmer, das LinkedIn-Profil ausgiebig zu pflegen (Eine Ausprägung des Netzwerkeffekts).

Ergebnis: Je mehr Badges, umso besser. Je mehr Badges, die auf eine bestimmte Qualifikation hinarbeiten, umso sinnvoller. Wenn ich eine Menge Badges aus dem Bereich Datenbanken, PHP, Hadoop, Künstliche Intelligenz sammle und vorzeigen kann (die ich mir aus lynda, edX, coursera, udacity, iversity) zusammenhole, indem ich jeweils den besten Kursen folge, zeige ich offensichtlich eine Motivation und inhaltliche Kenntnis in einem speziellen Bereich und arbeite sehr konsequent an meinem Marktwert auf dem Arbeitsmarkt.

Achtung Studis, jetzt wird es klausurrelevant: ist es sinnvoll, ein Universitätsstudium dadurch zu absolvieren, dass man in ähnlicher Weise solange Badges sammelt, bis man den Bachelor oder Master fertig hat? Auf keinen Fall. Würden Sie gerne über eine Brücke fahren, die ein Statiker berechnet hat, der sein Wissen selber aus MOOCs gesammelt hat? Würden Sie sich gerne bei einem Chirurg unters Messer legen, der sein Wissen durch Badges dokumentiert?

Tatsächlich vertrauen wir nicht nur in diesen Fällen nicht den Badges bzw. Kursinhalten. Wir vertrauen der Struktur, dem Studiengang, der das Wissen schrittweise aufeinander aufgebaut hat und eine Systematik in der Wissenserwerb bringt, der einem reinen Badge-System fehlt. Diese Strukturierung kann ich per se nicht dem Lerner überlassen, auch nicht einem Intermediär. Die Hochschulen sind daher gut beraten, sich über die Struktur dem Wettbewerb zu stellen, und ihre Lehrinhalte nicht wahlfrei als Badges zur Verfügung zu stellen. Mit letzterem zeigen sie nur Beliebigkeit.

Freitag, 26. Mai 2017

"Alternative Fakten" in der Digitalen Universität

Es geht ein Gespenst um im Umgang von Meinungsbildnern mit der Lebenswirklichkeit, und dieser wird befeuert durch die Digitalisierung. "Alternative Fakten" müssen als Konzept verstanden und transportiert werden. Ihre Quelle haben alternative Fakten in der ungeregelten Meinungsmaschine Internet. Im digitalen Zeitalter müssen die Universitäten in ihrer Lehre darauf reagieren, indem sie ihren Studierenden Bewertungsmöglichkeiten an die Hand geben und sie im Umgang damit schulen. Universitäten sind nicht mehr die "einzige Quelle der Wahrheit", sondern vermitteln den Umgang mit "vielen Quellen, die Wahrheit beanspruchen".

Der Begriff der "Alternativen Fakten" behauptet im Grunde, dass man, um eine Meinung fundiert äußern zu können, diese Meinung auf Fakten abstützen zu können. Das ist schon einmal positiv und mehr, als faktenfrei zu diskutieren. Aber: so wie es alternative Meinungen zu einer Sache gibt, z.B. im politischen Raum, so ist die Behauptung hier, dass der Faktenraum zur gleichen Sache groß genug wäre, um zwei oder mehr gegensätzliche Meinungen stützen zu können.

Kleiner Ausflug in die Wissensschaftstheorie: das ist, überspitzt gesagt, eine seit langem laufende Diskussion über Positivismus vs. Interpretivismus. Der Positivist geht davon aus, dass man nach langer Forschung bei einer (1) eindeutigen Faktenlage ankommen kann (Erde dreht sich um die Sonne). Eine erdachte Theorie kann man also gegen diese Faktenlage testen, und sie danach als wahr oder falsch bewerten. Der Interpretivist hat einen anderen Zugang: bereits die Ermittlung der Faktenlage ist soweit durch das subjektive Handeln des Wissenschaftlers verzerrt, dass es viele, auch gegensätzliche Fakten geben wird, und man diese komplexe Situation durch Interpretieren beleuchten und darstellen muss.

Im nichtwissenschaftlichen Raum ist der Positivismus eindeutig die vorherrschende Gemütslage. Der normale Mensch wüsste gerne, wo es lang geht, und möchte sich lieber auf Basis eindeutiger Fakten eine Meinung bilden. Interpretivismus ist dagegen anstrengend -- er führt zur Evolutionstheorie, zur Theorie des Klimawandels, zu einer ständigen Diskussion. Schlichte Gemüter scheuen diese Diskussion, weil sie sie nicht verstehen. Sie nehmen die Fakten, die in ihrer eigenen Filterblase angeboten werden, und kommen damit zu einer unumstößlichen Meinung. Die Universität sollte keine Filterblase sein.

Es wäre unsere Aufgabe, ab dem 1. Hochschulsemester diese Unterscheidung klar zu machen und unseren Studierenden einen Kompass zur Bewertung der im Internet angebotenenen "Fakten" mitzugeben. Vielleicht wäre es nicht verkehrt, uns dabei bei der Ausbildung wirklicher Qualitätsjournalisten etwas abzuschauen.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Hochschulforum Digitalisierung - Rückblick und Ausblick

Letzten Donnerstag war das Hochschulforum Digitalisierung auch schon wieder vorbei. Naja, nicht ganz, denn es geht noch bis 2020 weiter. Die bisherigen themenorientierten Arbeitsgruppen, die mit hohem Aufwand sehr interessante und hilfreiche Arbeitspapiere zum Thema Digitalisierung der Lehre erstellt haben, haben jedoch ausgedient. Sie werden ersetzt durch Aktivitäten wie Konferenzen und direkte Beratung, die näher an der Nachfrage aus den Hochschulen sind. So ist jedenfalls der Plan.

An dieser Stelle bietet es sich also an, kurz innezuhalten und die Ergebnisse des HFD zu sichten. Im Bereich der Digitalisierung der Lehre ist über die letzten 4 Jahre alles geschrieben und diskutiert worden, was in diesem Bereich zu besprechen war (hatte ich schon die tollen Arbeitsberichte erwähnt?). Hier gibt es einen reichen Schatz an Erfahrungen und "best practices", die an interessierte Hochschulleitungen weitergegeben werden können, sofern diese digitale Lehre als Teil ihrer Strategie wahrnehmen wollen.

Es gibt da diesen Witz von dem Mann, der vor dem Haus seinen Haustürschlüssel verloren hat. Er sucht auf dem Bürgersteig unter der Straßenlaterne und findet nichts. Ein anderer Mann kommt vorbei und fragt, wo er den Schlüssel verloren hat. "Da drüben, im Dunkeln" sagt der Erste. "Aber warum suchen Sie dann hier?" "Hier ist Licht".

Genau hier liegt der Hund begraben. In meiner eigenen Universität betrachten wir die Digitalisierung als umfassendes Phänomen, welches eine Transformation von Forschung, Lehre, Third Mission, Verwaltung, also den gesamten Optionskranz für eine Hochschulstrategie bewirken kann. Sich hier Digitalisierung der Lehre als Einzelproblem herauszugreifen, springt zu kurz. Ich verstehe ja, dass für HAWs, Fachhochschulen, Weiterbildungseinrichtungen etc. Digitalisierung nur über die Lehre funktioniert. Aber das Problem der Universitäten wird vom HFD bisher nicht addressiert.

Für alle diejenigen Kolleginnen und Kollegen in den Hochschulleitungen, deren strategische Überlegungen in diesen Wochen auf die Worte Excellenzcluster, Innovative Hochschule oder 1000-Professuren-Programm hören, ist Digitalisierung der Lehre ein Problem geringer Priorität. Unsere Fragen kreisen um die Themen Forschungsdatenmanagement, Forschungsinfrastrukturen, Open Science Cloud und welche Rolle diese in der Definition zukünftiger Forschung einnehmen. Wie sieht Forschung im 21. Jahrhundert aus, wo kommen die Forschungsdaten her und wo gehen Sie hin? Wie arbeiten unsere Wissenschaftlerinnen weltweit mit anderen zusammen? Wie schaffen wir es, dass unsere Universitäten digital international sichtbar werden und exzellente Nachwuchswissenschaftlerinnen (nicht nur Studierende!) anziehen?

Nicht dort wo es schon hell ist, sondern im Dunklen wird es interessant. Digitale Lehre ist ein Ergebnis strategischer Überlegungen, nicht der Ausgangspunkt. Digitale Forschung zieht Digitale Lehre nach sich. Curriculum Development als Teil einer Hochschulstrategie, Peer-to-Peer-Beratung für Change Management und Organisationsentwicklung, Internationalisierung als bewußte Entscheidung einer Hochschule startet nicht bei einem Problem "Lehre", weil es das in der Form nicht gibt. Zu diesen strategischen Punkten hat das HFD bisher noch wenig geliefert. Ich hoffe, das kommt noch, bis 2020 ist ja noch ein bisschen Zeit.

Mittwoch, 4. Mai 2016

Digitalisierung von Unis bei ARD Alpha Campus Magazin: Virtual Reality, Datensicherheit und Kiron

BR Alpha hat 3 Beiträge über die Digitalisierung von Universitäten erstellt, die auf der Webseite des Campus Magazins bzw. direkt unter diesen drei Links zu finden sind:




1. Virtual Reality an der Uni
http://br.de/s/2Fw09b7

2. Datensicherheit an der Uni
http://br.de/s/2Fx1SKy

3. Online-Uni Kiron
http://br.de/s/2Fvcyfn


Den letzten Beitrag finde ich natürlich besonders spannend, weil er direkt auf meine früheren Blogbeiträge referenziert. Mein "Mem" von Kiron als iTunes der Lehre hat auch seinen Weg in den Beitrag gefunden...

Samstag, 6. Februar 2016

Kiron - das iTunes der universitären Lehre?

Kiron könnte das iTunes der universitären Ausbildung werden. Damit meine ich nicht die Aussichten auf Geld oder Bedeutung in der Welt. Es kann gut sein, dass es Kiron in einem Jahr nicht mehr gibt. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es einen Nachfolger geben wird.

Kiron ist der erste Vorbote eines disruptiven Geschäftsmodells, welches eine Branche, die ein seit Jahrhunderten tradiertes Vorgehen pflegt, ziemlich durcheinander wirbeln könnte. Insofern steht es in einer Reihe mit Uber oder Airbnb, auch wenn es von deren ökonomischen Möglichkeiten noch weit entfernt ist.

Das Geschäftsmodell von Kiron ist die Aggregation und Koordination von Inhalten Dritter, so wie es Uber mit Autofahrten, Airbnb mit Wohnungen und Facebook mit persönlichen Nachrichten betreibt. Kiron aggregiert Lehrinhalte, die Universitäten weltweit in gutem Glauben und mit guten Absichten (bisher) kostenlos auf dem Netz veröffentlichen. Während Coursera oder Udacity als reine Plattformen gestartet sind, hat Kiron den Anspruch, aus den verfügbaren Materialien neue virtuelle Studiengänge zu bauen, deren Qualität besser ist als die der ursprünglichen Quellen. 

Und seien wir ehrlich: wer von uns hätte nicht am liebsten an einer Universität studiert, an der nur die besten Wissenschaftlerinnen lehren? An einer einzigen physischen Universität ist dies nicht möglich, dafür sind exzellente Wissenschaftler zu sehr über die ganze Welt verstreut. Indem ich deren MOOCs aggregiere, kann ich jedoch eine virtuelle Universität bauen. Ich filetiere die Studiengänge realer Universitäten und setze sie in Kiron neu zusammen. 

Das ist genau das, was iTunes mit den CDs gemacht hat. Auf einmal hatte jeder die Möglichkeit, aus einer CD nur die Lieder herauszugreifen, die er oder sie gut findet. Jeder Hörer kann sich seine Lieblingsmusik mixen und neu zusammenstellen. Die Komponisten verlieren dadurch aber ein wichtiges Element früherer Zeiten - die Zusammenstellung der Lieder in zeitlicher oder inhaltlicher Reihenfolge. Goodbye Konzeptalbum - Pet Sounds, Sergeant Pepper, Rocky Horror. Einzelne Lieder kennt jeder, aber die Reihenfolge?

Hallo Kiron. Goodbye Studiengänge?