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Montag, 27. November 2017

Sind Badges für die universitäre Lehre sinnvoll?

Von Zeit zu Zeit arbeitet sich die öffentliche Meinung an der angeblichen Praxisferne und der Überbetonung von Rigor über Relevanz in der universitären Lehre ab. Als neuestes Heilmittel werden gerne digitale Badges beworben. Worum handelt es sich dabei, was sind die Argumente der Befürworter und welche Gründe sprechen dagegen?

Digitale Badges sind im Prinzip Zertifikate oder Lernabzeichen, die man für den erfolgreichen Abschluss einer Lerneinheit erhält. Im universitären Alltag des letzten Jahrhunderts könnte man "den Schein" dazu zählen, der nach einer bestandenen Klausur dem Studierenden gestempelt ausgehändigt wurde und am Ende des Studiums in einem kleinen Heft, gestapelt und geheftet mit vielen anderen Scheinen, zum Prüfungsamt getragen und dort gegen ein Abschlusszeugnis eingetauscht wurde. In diesem Jahrhundert werden digitale Badges vor allem im Kontext von MOOCs vergeben, also nach Durchlaufen eines Onlinekurses. Sie können in digitaler Form mit einer Identität des Teilnehmers verknüpft werden, d.h. sie tauchen dann im öffentlichen Profil dieses Teilnehmers auf und können dort als bestätigte Kenntnisse z.B. einem zukünftigen Arbeitgeber präsentiert werden.

Offensichtlich verbirgt sich hier ein Geschäftsmodell, welches z.B. im Kauf von lynda.com durch LinkedIn offenbar wird. Wer ein LinkedIn-Profil besitzt und bei lynda.com kostenpflichtige Prüfungen absolviert, bekommt ein digitales Badge in seinem Profil. Was wiederum einen Anreiz für Arbeitgeber schafft, sich vor Einstellung eines Arbeitnehmers ausgiebig mit dessem LinkedIn-Profil zu beschäftigen und damit für Arbeitnehmer, das LinkedIn-Profil ausgiebig zu pflegen (Eine Ausprägung des Netzwerkeffekts).

Ergebnis: Je mehr Badges, umso besser. Je mehr Badges, die auf eine bestimmte Qualifikation hinarbeiten, umso sinnvoller. Wenn ich eine Menge Badges aus dem Bereich Datenbanken, PHP, Hadoop, Künstliche Intelligenz sammle und vorzeigen kann (die ich mir aus lynda, edX, coursera, udacity, iversity) zusammenhole, indem ich jeweils den besten Kursen folge, zeige ich offensichtlich eine Motivation und inhaltliche Kenntnis in einem speziellen Bereich und arbeite sehr konsequent an meinem Marktwert auf dem Arbeitsmarkt.

Achtung Studis, jetzt wird es klausurrelevant: ist es sinnvoll, ein Universitätsstudium dadurch zu absolvieren, dass man in ähnlicher Weise solange Badges sammelt, bis man den Bachelor oder Master fertig hat? Auf keinen Fall. Würden Sie gerne über eine Brücke fahren, die ein Statiker berechnet hat, der sein Wissen selber aus MOOCs gesammelt hat? Würden Sie sich gerne bei einem Chirurg unters Messer legen, der sein Wissen durch Badges dokumentiert?

Tatsächlich vertrauen wir nicht nur in diesen Fällen nicht den Badges bzw. Kursinhalten. Wir vertrauen der Struktur, dem Studiengang, der das Wissen schrittweise aufeinander aufgebaut hat und eine Systematik in der Wissenserwerb bringt, der einem reinen Badge-System fehlt. Diese Strukturierung kann ich per se nicht dem Lerner überlassen, auch nicht einem Intermediär. Die Hochschulen sind daher gut beraten, sich über die Struktur dem Wettbewerb zu stellen, und ihre Lehrinhalte nicht wahlfrei als Badges zur Verfügung zu stellen. Mit letzterem zeigen sie nur Beliebigkeit.

Samstag, 6. Februar 2016

Kiron - das iTunes der universitären Lehre?

Kiron könnte das iTunes der universitären Ausbildung werden. Damit meine ich nicht die Aussichten auf Geld oder Bedeutung in der Welt. Es kann gut sein, dass es Kiron in einem Jahr nicht mehr gibt. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es einen Nachfolger geben wird.

Kiron ist der erste Vorbote eines disruptiven Geschäftsmodells, welches eine Branche, die ein seit Jahrhunderten tradiertes Vorgehen pflegt, ziemlich durcheinander wirbeln könnte. Insofern steht es in einer Reihe mit Uber oder Airbnb, auch wenn es von deren ökonomischen Möglichkeiten noch weit entfernt ist.

Das Geschäftsmodell von Kiron ist die Aggregation und Koordination von Inhalten Dritter, so wie es Uber mit Autofahrten, Airbnb mit Wohnungen und Facebook mit persönlichen Nachrichten betreibt. Kiron aggregiert Lehrinhalte, die Universitäten weltweit in gutem Glauben und mit guten Absichten (bisher) kostenlos auf dem Netz veröffentlichen. Während Coursera oder Udacity als reine Plattformen gestartet sind, hat Kiron den Anspruch, aus den verfügbaren Materialien neue virtuelle Studiengänge zu bauen, deren Qualität besser ist als die der ursprünglichen Quellen. 

Und seien wir ehrlich: wer von uns hätte nicht am liebsten an einer Universität studiert, an der nur die besten Wissenschaftlerinnen lehren? An einer einzigen physischen Universität ist dies nicht möglich, dafür sind exzellente Wissenschaftler zu sehr über die ganze Welt verstreut. Indem ich deren MOOCs aggregiere, kann ich jedoch eine virtuelle Universität bauen. Ich filetiere die Studiengänge realer Universitäten und setze sie in Kiron neu zusammen. 

Das ist genau das, was iTunes mit den CDs gemacht hat. Auf einmal hatte jeder die Möglichkeit, aus einer CD nur die Lieder herauszugreifen, die er oder sie gut findet. Jeder Hörer kann sich seine Lieblingsmusik mixen und neu zusammenstellen. Die Komponisten verlieren dadurch aber ein wichtiges Element früherer Zeiten - die Zusammenstellung der Lieder in zeitlicher oder inhaltlicher Reihenfolge. Goodbye Konzeptalbum - Pet Sounds, Sergeant Pepper, Rocky Horror. Einzelne Lieder kennt jeder, aber die Reihenfolge?

Hallo Kiron. Goodbye Studiengänge?