Digitalisierung ist ein Begriff, der einen Verlauf beschreibt. So wie Bewegung oder Veränderung.
Es beginnt bei einem Istzustand, von dem aus man bewegt, verändert oder digitalisiert, und endet hoffentlich bei einem erwünschten Sollzustand. Man bewegt sich -- von Zuhause zur Arbeit, von A nach B, von einer alten Position weg. Man verändert etwas -- die Möbel vom Wand zum Fenster, die eigene Haltung zum Sport, die Inhalte einer alten Vorlesung. (Man digitalisiert -- sich? etwas?)
Wir digitalisieren eine Universität.
Es gibt (oder gab) also einen nicht-digitalen Ist-Zustand, der als alt, unflexibel, aufwändig, nicht effizient und nicht effektiv angesehen wird. Digitalisierung ist der Prozess, der uns von diesem Zustand wegführt. Manchmal in gerader Linie, sehr häufig schlängelnd, vor und zurück, insgesamt aber nach vorne, in die Zukunft. Irgendwann (?) erreichen wir den zu Anfang gewünschten Zustand -- digital diejenigen Prozesse, die wir wollen; nicht digital, vieles andere (z.B. Lehre mit echten Menschen auf einem echten Campus).
Und dann?
Nehmen wir einmal an, wir haben alles. Forschungsdatenmanagement als Rückgrat für unsere Forscherinnen und Forscher: von elektronischen Laborbüchern über Datenrepositorien zu Open Access Journalen. Digitale Lehre in ganzer Schönheit: Flipped Classroom, MOOCs, Learning Analytics, funktionierendes Campus Management. Was werden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, was die Dozentinnen und Dozenten damit anfangen? Wird alles anders?
Wer forscht, möchte eigentlich in Ruhe gelassen werden und sich darauf konzentrieren. Im Humboldtschen Sinne möchte man gleichzeitig in der Lehre mit Studierenden diskutieren, sie einladen in seine eigene Wissenschaftswelt und sie dadurch teilhaben lassen. Ihre Kreativität und Neugier soll die eigene Leidenschaft befruchten, ein Funke soll überspringen und die nächste Generation an die Wissenschaft heranführen. So macht Wissenschaft in Forschung und Lehre Spaß.
Das galt vor der Digitalisierung und nach der Digitalisierung immer noch. Informationstechnologie (Tools, Apps) ist kein Selbstzweck und wird dort am besten angenommen, wo sie im Hintergrund, ruhig und störungsfrei läuft. Manchmal vergessen wir das und schauen zu sehr auf die Technologie -- derzeitiger Hype: die Einbindung von Blockchain. Die post-digitale Universität wird sich dadurch auszeichnen, dass sie als Plattform, Backbone, Infrastruktur funktioniert, so wie Strom und Telefon.
Das heißt aber auch, dass wir jetzt anfangen müssen, Strategien für die post-digitale Universität zu entwickeln, die Technologien als gegeben, präsent und verfügbar annimmt. Und sich dann überlegt: wie soll meine Universität im Jahr 2030 aussehen?
What will remain of the campus university when teaching, research and administration are finally fully digitized?
Dienstag, 23. Oktober 2018
Montag, 20. August 2018
Ist deutsche Universitätslehre Robot-Proof? (Teil 2)
In diesem Post möchte ich mich den Capacities aus dem Buch "Robot-Proof" von Aoun widmen. Im ersten Post zu diesem Thema habe ich das Buch vorgestellt und versucht, die Literacies auf die deutsche Universitätsrealität anzupassen. Die Literacies sind für mich im Bachelorstudium zu verorten, am besten in Form eines Studium Generale.
Die Capacities hingegen sind spezieller: Critical Thinking, Systems Thinking, Entrepreneurship und Cultural Agility. Jedes Thema für sich könnte schon das Fundament für einen eigenen Masterstudiengang sein, aber Aoun plädiert für das Einbauen in bestehende Studienprogramme (Für Deutschland übersetzt wahrscheinlich ein Teil eines Masterstudiums, in den USA in den letzten beiden Jahren eines vierjährigen Bachelorprogramms).
Kritisches Denken ist sicherlich ein Denken "out of the box", wozu kritisches Hinterfragen von Ideen gehört und die Fähigkeit, Fakten und Behauptungen voneinander zu unterscheiden. Schlußfolgerungen "in the box" zu ziehen, könnte tatsächlich von Künstlicher Intelligenz bewerkstelligt werden und wäre damit nicht Robot-Proof. Dass "Kritisches Denken" derzeit kein Kernelement von Bildung ist, nutzen viele Populisten in selbstdarstellender Weise für sich aus, wenn sie ihr Stimmvieh bedienen. Wie umsetzen: in universitärer Ausbildung sicherlich durch Kurse in Wissenschaftstheorie und Ethik als verpflichtender Teil eines Masterprogramms.
Systemisches Denken schaut über den Tellerrand hinaus und würden wir meist als Interdisziplinarität oder Transdisziplinarität übersetzen wollen. Der Begriff selber ist aber etwas in die Jahre gekommen und mir fällt es schwer, konkrete Lehrveranstaltungen damit zu verbinden; Fallstudien mit gemischten Studierenden wäre ein Ansatz innerhalb von Curricula. Interdisziplinäre Masterstudiengänge wie Wirtschaftsingenieurwesen, Philosophy & Economics, Sporttechnologie usw. sind in deutschen Universitäten mittlerweile weit verbreitet. Da ist in den USA vermutlich mehr zu machen als bei uns.
Entrepreneurship ist für mich ein Kernelement eines Masterstudiums, unabhängig von der Wissenschaftsdisziplin. Wir haben daher selber in Bayreuth ein Projekt namens "Entrepreneurship4All" aufgesetzt, in dem unternehmerisches Handeln für viele Wissenschaftsbereiche angepasst und umgesetzt wird. Auch die Unternehmenspraktika, die viele Studierende sogar freiwillig machen, verbessern und vertiefen diese Fähigkeiten.
Kulturelle Agilität wird viel gefordert, praktisch umgesetzt wird es bei uns neben Kursen auf dem Campus sehr häufig in Auslandssemestern. Bei meinen BWL-Absolventen sehe ich meist 2 Auslandsaufenthalte auf dem Zettel, fast immer in unterschiedlichen Ländern. Dafür muss es im Studienverlauf Mobilitätsfenster geben, die schlauen Unis haben das aber fast alle.
Fazit: Aoun hat ein wichtiges Thema aufgesetzt: die Umsetzung ist in den USA noch dringender als bei uns. Auch für deutsche Unis ist das Buch aber ein sehr guter Motivationsverstärker, auf dem eingeschlagenen Weg nicht lockerzulassen.
Die Capacities hingegen sind spezieller: Critical Thinking, Systems Thinking, Entrepreneurship und Cultural Agility. Jedes Thema für sich könnte schon das Fundament für einen eigenen Masterstudiengang sein, aber Aoun plädiert für das Einbauen in bestehende Studienprogramme (Für Deutschland übersetzt wahrscheinlich ein Teil eines Masterstudiums, in den USA in den letzten beiden Jahren eines vierjährigen Bachelorprogramms).
Kritisches Denken ist sicherlich ein Denken "out of the box", wozu kritisches Hinterfragen von Ideen gehört und die Fähigkeit, Fakten und Behauptungen voneinander zu unterscheiden. Schlußfolgerungen "in the box" zu ziehen, könnte tatsächlich von Künstlicher Intelligenz bewerkstelligt werden und wäre damit nicht Robot-Proof. Dass "Kritisches Denken" derzeit kein Kernelement von Bildung ist, nutzen viele Populisten in selbstdarstellender Weise für sich aus, wenn sie ihr Stimmvieh bedienen. Wie umsetzen: in universitärer Ausbildung sicherlich durch Kurse in Wissenschaftstheorie und Ethik als verpflichtender Teil eines Masterprogramms.
Systemisches Denken schaut über den Tellerrand hinaus und würden wir meist als Interdisziplinarität oder Transdisziplinarität übersetzen wollen. Der Begriff selber ist aber etwas in die Jahre gekommen und mir fällt es schwer, konkrete Lehrveranstaltungen damit zu verbinden; Fallstudien mit gemischten Studierenden wäre ein Ansatz innerhalb von Curricula. Interdisziplinäre Masterstudiengänge wie Wirtschaftsingenieurwesen, Philosophy & Economics, Sporttechnologie usw. sind in deutschen Universitäten mittlerweile weit verbreitet. Da ist in den USA vermutlich mehr zu machen als bei uns.
Entrepreneurship ist für mich ein Kernelement eines Masterstudiums, unabhängig von der Wissenschaftsdisziplin. Wir haben daher selber in Bayreuth ein Projekt namens "Entrepreneurship4All" aufgesetzt, in dem unternehmerisches Handeln für viele Wissenschaftsbereiche angepasst und umgesetzt wird. Auch die Unternehmenspraktika, die viele Studierende sogar freiwillig machen, verbessern und vertiefen diese Fähigkeiten.
Kulturelle Agilität wird viel gefordert, praktisch umgesetzt wird es bei uns neben Kursen auf dem Campus sehr häufig in Auslandssemestern. Bei meinen BWL-Absolventen sehe ich meist 2 Auslandsaufenthalte auf dem Zettel, fast immer in unterschiedlichen Ländern. Dafür muss es im Studienverlauf Mobilitätsfenster geben, die schlauen Unis haben das aber fast alle.
Fazit: Aoun hat ein wichtiges Thema aufgesetzt: die Umsetzung ist in den USA noch dringender als bei uns. Auch für deutsche Unis ist das Buch aber ein sehr guter Motivationsverstärker, auf dem eingeschlagenen Weg nicht lockerzulassen.
Ist deutsche Universitätslehre Robot-Proof? (Teil 1)
Ich habe im Urlaub gerade ein Buch eines amerikanischen Universitätspräsidenten über die Zukunft der Hochschulbildung gelesen (danke an Christian Germelmann für den Link!). Joseph E. Aoun ist Präsident der Northeastern University in Boston, das Buch heisst "Robot-Proof" (daher auch der Titel dieses Posts) und ist bei MIT Press erschienen. Das Buch ist quasi die Langversion mehrerer Artikel, z.B. in der Washington Post vom Oktober 2016 und im Chronicle of Higher Education vom Januar 2016.
Aoun schreibt über die Notwendigkeit, Studierende so auszubilden, dass ihre Berufsprofile möglichst nicht von einer Künstlichen Intelligenz übernommen werden können. In dem Buch stellt er einige Beispiele für Aktivitäten seiner eigenen Universität vor. Er strukturiert in Literacies (im Bologna-Sprech für uns vielleicht: Kenntnisse) und Cognitive Capacities (Fähigkeiten).
Literacies sind Technological Literacy, Data Literacy und Human Literacy. Diese sind in jedem Studiengang zu verorten und stellen fundamentales Wissen dar, ohne welches man im zukünftigen Berufsleben nicht mehr weiterkommt. Technological und Data Literacy sind für ihn zwei verschiedene Dinge, Technological ist eher Programmierung und Data ist der Umgang mit Datenmengen aus einer Anwenderperspektive. Human Literacy beschäftigt sich mit Interkulturalität und Diversität, was wohl in den USA noch mehr zu kurz kommt als bei uns. Für mich sind Literacies damit gedanklicher Teil einer Studium Generale-artigen Struktur im Bachelorstudium. In Deutschland am Weitesten ist hier wohl die Lehrstruktur des Komplementärstudiums am College der Universität Lüneburg.
Konkret müssten (1) Programmier- und Software Engineering-Kenntnisse übergreifend durch spezielles Lehrpersonal des Mittelbaues angeboten werden, vielleicht in Erweiterung bestehender Angebote aus einer Informatik heraus. Das kann relativ allgemein geschehen. Bei (2) Data Literacy müssten je nach Wissenschaftsdisziplin spezifischere Angebote gemacht werden, Labordaten der Naturwissenschaften, Simulationen in den Ingenieurwissenschaften, Umfragen in den Wirtschaftswissenschaften und Interviews in den Sozialwissenschaften etc. sind doch spezifisch. Für (3) Human Literacy könnten all jene Kurse zusammengefaßt werden, die an Universitäten im Bereich Gender, Diversität, Interkulturalität meist ohnehin schon existieren.
Die Capacities sind Critical Thinking, Systems Thinking, Entrepreneurship und Cultural Agility. Jedes Thema für sich könnte schon das Fundament für einen eigenen Masterstudiengang sein, aber Aoun plädiert für das Einbauen in bestehende Studienprogramme (Für Deutschland übersetzt wahrscheinlich ein Teil eines Masterstudiums, in den USA in den letzten beiden Jahren eines vierjährigen Bachelorprogramms). Mehr dazu im zweiten Teil.
Aoun schreibt über die Notwendigkeit, Studierende so auszubilden, dass ihre Berufsprofile möglichst nicht von einer Künstlichen Intelligenz übernommen werden können. In dem Buch stellt er einige Beispiele für Aktivitäten seiner eigenen Universität vor. Er strukturiert in Literacies (im Bologna-Sprech für uns vielleicht: Kenntnisse) und Cognitive Capacities (Fähigkeiten).
Literacies sind Technological Literacy, Data Literacy und Human Literacy. Diese sind in jedem Studiengang zu verorten und stellen fundamentales Wissen dar, ohne welches man im zukünftigen Berufsleben nicht mehr weiterkommt. Technological und Data Literacy sind für ihn zwei verschiedene Dinge, Technological ist eher Programmierung und Data ist der Umgang mit Datenmengen aus einer Anwenderperspektive. Human Literacy beschäftigt sich mit Interkulturalität und Diversität, was wohl in den USA noch mehr zu kurz kommt als bei uns. Für mich sind Literacies damit gedanklicher Teil einer Studium Generale-artigen Struktur im Bachelorstudium. In Deutschland am Weitesten ist hier wohl die Lehrstruktur des Komplementärstudiums am College der Universität Lüneburg.
Konkret müssten (1) Programmier- und Software Engineering-Kenntnisse übergreifend durch spezielles Lehrpersonal des Mittelbaues angeboten werden, vielleicht in Erweiterung bestehender Angebote aus einer Informatik heraus. Das kann relativ allgemein geschehen. Bei (2) Data Literacy müssten je nach Wissenschaftsdisziplin spezifischere Angebote gemacht werden, Labordaten der Naturwissenschaften, Simulationen in den Ingenieurwissenschaften, Umfragen in den Wirtschaftswissenschaften und Interviews in den Sozialwissenschaften etc. sind doch spezifisch. Für (3) Human Literacy könnten all jene Kurse zusammengefaßt werden, die an Universitäten im Bereich Gender, Diversität, Interkulturalität meist ohnehin schon existieren.
Die Capacities sind Critical Thinking, Systems Thinking, Entrepreneurship und Cultural Agility. Jedes Thema für sich könnte schon das Fundament für einen eigenen Masterstudiengang sein, aber Aoun plädiert für das Einbauen in bestehende Studienprogramme (Für Deutschland übersetzt wahrscheinlich ein Teil eines Masterstudiums, in den USA in den letzten beiden Jahren eines vierjährigen Bachelorprogramms). Mehr dazu im zweiten Teil.
Montag, 27. November 2017
Sind Badges für die universitäre Lehre sinnvoll?
Von Zeit zu Zeit arbeitet sich die öffentliche Meinung an der angeblichen Praxisferne und der Überbetonung von Rigor über Relevanz in der universitären Lehre ab. Als neuestes Heilmittel werden gerne digitale Badges beworben. Worum handelt es sich dabei, was sind die Argumente der Befürworter und welche Gründe sprechen dagegen?
Digitale Badges sind im Prinzip Zertifikate oder Lernabzeichen, die man für den erfolgreichen Abschluss einer Lerneinheit erhält. Im universitären Alltag des letzten Jahrhunderts könnte man "den Schein" dazu zählen, der nach einer bestandenen Klausur dem Studierenden gestempelt ausgehändigt wurde und am Ende des Studiums in einem kleinen Heft, gestapelt und geheftet mit vielen anderen Scheinen, zum Prüfungsamt getragen und dort gegen ein Abschlusszeugnis eingetauscht wurde. In diesem Jahrhundert werden digitale Badges vor allem im Kontext von MOOCs vergeben, also nach Durchlaufen eines Onlinekurses. Sie können in digitaler Form mit einer Identität des Teilnehmers verknüpft werden, d.h. sie tauchen dann im öffentlichen Profil dieses Teilnehmers auf und können dort als bestätigte Kenntnisse z.B. einem zukünftigen Arbeitgeber präsentiert werden.
Offensichtlich verbirgt sich hier ein Geschäftsmodell, welches z.B. im Kauf von lynda.com durch LinkedIn offenbar wird. Wer ein LinkedIn-Profil besitzt und bei lynda.com kostenpflichtige Prüfungen absolviert, bekommt ein digitales Badge in seinem Profil. Was wiederum einen Anreiz für Arbeitgeber schafft, sich vor Einstellung eines Arbeitnehmers ausgiebig mit dessem LinkedIn-Profil zu beschäftigen und damit für Arbeitnehmer, das LinkedIn-Profil ausgiebig zu pflegen (Eine Ausprägung des Netzwerkeffekts).
Ergebnis: Je mehr Badges, umso besser. Je mehr Badges, die auf eine bestimmte Qualifikation hinarbeiten, umso sinnvoller. Wenn ich eine Menge Badges aus dem Bereich Datenbanken, PHP, Hadoop, Künstliche Intelligenz sammle und vorzeigen kann (die ich mir aus lynda, edX, coursera, udacity, iversity) zusammenhole, indem ich jeweils den besten Kursen folge, zeige ich offensichtlich eine Motivation und inhaltliche Kenntnis in einem speziellen Bereich und arbeite sehr konsequent an meinem Marktwert auf dem Arbeitsmarkt.
Achtung Studis, jetzt wird es klausurrelevant: ist es sinnvoll, ein Universitätsstudium dadurch zu absolvieren, dass man in ähnlicher Weise solange Badges sammelt, bis man den Bachelor oder Master fertig hat? Auf keinen Fall. Würden Sie gerne über eine Brücke fahren, die ein Statiker berechnet hat, der sein Wissen selber aus MOOCs gesammelt hat? Würden Sie sich gerne bei einem Chirurg unters Messer legen, der sein Wissen durch Badges dokumentiert?
Tatsächlich vertrauen wir nicht nur in diesen Fällen nicht den Badges bzw. Kursinhalten. Wir vertrauen der Struktur, dem Studiengang, der das Wissen schrittweise aufeinander aufgebaut hat und eine Systematik in der Wissenserwerb bringt, der einem reinen Badge-System fehlt. Diese Strukturierung kann ich per se nicht dem Lerner überlassen, auch nicht einem Intermediär. Die Hochschulen sind daher gut beraten, sich über die Struktur dem Wettbewerb zu stellen, und ihre Lehrinhalte nicht wahlfrei als Badges zur Verfügung zu stellen. Mit letzterem zeigen sie nur Beliebigkeit.
Digitale Badges sind im Prinzip Zertifikate oder Lernabzeichen, die man für den erfolgreichen Abschluss einer Lerneinheit erhält. Im universitären Alltag des letzten Jahrhunderts könnte man "den Schein" dazu zählen, der nach einer bestandenen Klausur dem Studierenden gestempelt ausgehändigt wurde und am Ende des Studiums in einem kleinen Heft, gestapelt und geheftet mit vielen anderen Scheinen, zum Prüfungsamt getragen und dort gegen ein Abschlusszeugnis eingetauscht wurde. In diesem Jahrhundert werden digitale Badges vor allem im Kontext von MOOCs vergeben, also nach Durchlaufen eines Onlinekurses. Sie können in digitaler Form mit einer Identität des Teilnehmers verknüpft werden, d.h. sie tauchen dann im öffentlichen Profil dieses Teilnehmers auf und können dort als bestätigte Kenntnisse z.B. einem zukünftigen Arbeitgeber präsentiert werden.
Offensichtlich verbirgt sich hier ein Geschäftsmodell, welches z.B. im Kauf von lynda.com durch LinkedIn offenbar wird. Wer ein LinkedIn-Profil besitzt und bei lynda.com kostenpflichtige Prüfungen absolviert, bekommt ein digitales Badge in seinem Profil. Was wiederum einen Anreiz für Arbeitgeber schafft, sich vor Einstellung eines Arbeitnehmers ausgiebig mit dessem LinkedIn-Profil zu beschäftigen und damit für Arbeitnehmer, das LinkedIn-Profil ausgiebig zu pflegen (Eine Ausprägung des Netzwerkeffekts).
Ergebnis: Je mehr Badges, umso besser. Je mehr Badges, die auf eine bestimmte Qualifikation hinarbeiten, umso sinnvoller. Wenn ich eine Menge Badges aus dem Bereich Datenbanken, PHP, Hadoop, Künstliche Intelligenz sammle und vorzeigen kann (die ich mir aus lynda, edX, coursera, udacity, iversity) zusammenhole, indem ich jeweils den besten Kursen folge, zeige ich offensichtlich eine Motivation und inhaltliche Kenntnis in einem speziellen Bereich und arbeite sehr konsequent an meinem Marktwert auf dem Arbeitsmarkt.
Achtung Studis, jetzt wird es klausurrelevant: ist es sinnvoll, ein Universitätsstudium dadurch zu absolvieren, dass man in ähnlicher Weise solange Badges sammelt, bis man den Bachelor oder Master fertig hat? Auf keinen Fall. Würden Sie gerne über eine Brücke fahren, die ein Statiker berechnet hat, der sein Wissen selber aus MOOCs gesammelt hat? Würden Sie sich gerne bei einem Chirurg unters Messer legen, der sein Wissen durch Badges dokumentiert?
Tatsächlich vertrauen wir nicht nur in diesen Fällen nicht den Badges bzw. Kursinhalten. Wir vertrauen der Struktur, dem Studiengang, der das Wissen schrittweise aufeinander aufgebaut hat und eine Systematik in der Wissenserwerb bringt, der einem reinen Badge-System fehlt. Diese Strukturierung kann ich per se nicht dem Lerner überlassen, auch nicht einem Intermediär. Die Hochschulen sind daher gut beraten, sich über die Struktur dem Wettbewerb zu stellen, und ihre Lehrinhalte nicht wahlfrei als Badges zur Verfügung zu stellen. Mit letzterem zeigen sie nur Beliebigkeit.
Freitag, 26. Mai 2017
"Alternative Fakten" in der Digitalen Universität
Es geht ein Gespenst um im Umgang von Meinungsbildnern mit der Lebenswirklichkeit, und dieser wird befeuert durch die Digitalisierung. "Alternative Fakten" müssen als Konzept verstanden und transportiert werden. Ihre Quelle haben alternative Fakten in der ungeregelten Meinungsmaschine Internet. Im digitalen Zeitalter müssen die Universitäten in ihrer Lehre darauf reagieren, indem sie ihren Studierenden Bewertungsmöglichkeiten an die Hand geben und sie im Umgang damit schulen. Universitäten sind nicht mehr die "einzige Quelle der Wahrheit", sondern vermitteln den Umgang mit "vielen Quellen, die Wahrheit beanspruchen".
Der Begriff der "Alternativen Fakten" behauptet im Grunde, dass man, um eine Meinung fundiert äußern zu können, diese Meinung auf Fakten abstützen zu können. Das ist schon einmal positiv und mehr, als faktenfrei zu diskutieren. Aber: so wie es alternative Meinungen zu einer Sache gibt, z.B. im politischen Raum, so ist die Behauptung hier, dass der Faktenraum zur gleichen Sache groß genug wäre, um zwei oder mehr gegensätzliche Meinungen stützen zu können.
Kleiner Ausflug in die Wissensschaftstheorie: das ist, überspitzt gesagt, eine seit langem laufende Diskussion über Positivismus vs. Interpretivismus. Der Positivist geht davon aus, dass man nach langer Forschung bei einer (1) eindeutigen Faktenlage ankommen kann (Erde dreht sich um die Sonne). Eine erdachte Theorie kann man also gegen diese Faktenlage testen, und sie danach als wahr oder falsch bewerten. Der Interpretivist hat einen anderen Zugang: bereits die Ermittlung der Faktenlage ist soweit durch das subjektive Handeln des Wissenschaftlers verzerrt, dass es viele, auch gegensätzliche Fakten geben wird, und man diese komplexe Situation durch Interpretieren beleuchten und darstellen muss.
Im nichtwissenschaftlichen Raum ist der Positivismus eindeutig die vorherrschende Gemütslage. Der normale Mensch wüsste gerne, wo es lang geht, und möchte sich lieber auf Basis eindeutiger Fakten eine Meinung bilden. Interpretivismus ist dagegen anstrengend -- er führt zur Evolutionstheorie, zur Theorie des Klimawandels, zu einer ständigen Diskussion. Schlichte Gemüter scheuen diese Diskussion, weil sie sie nicht verstehen. Sie nehmen die Fakten, die in ihrer eigenen Filterblase angeboten werden, und kommen damit zu einer unumstößlichen Meinung. Die Universität sollte keine Filterblase sein.
Es wäre unsere Aufgabe, ab dem 1. Hochschulsemester diese Unterscheidung klar zu machen und unseren Studierenden einen Kompass zur Bewertung der im Internet angebotenenen "Fakten" mitzugeben. Vielleicht wäre es nicht verkehrt, uns dabei bei der Ausbildung wirklicher Qualitätsjournalisten etwas abzuschauen.
Der Begriff der "Alternativen Fakten" behauptet im Grunde, dass man, um eine Meinung fundiert äußern zu können, diese Meinung auf Fakten abstützen zu können. Das ist schon einmal positiv und mehr, als faktenfrei zu diskutieren. Aber: so wie es alternative Meinungen zu einer Sache gibt, z.B. im politischen Raum, so ist die Behauptung hier, dass der Faktenraum zur gleichen Sache groß genug wäre, um zwei oder mehr gegensätzliche Meinungen stützen zu können.
Kleiner Ausflug in die Wissensschaftstheorie: das ist, überspitzt gesagt, eine seit langem laufende Diskussion über Positivismus vs. Interpretivismus. Der Positivist geht davon aus, dass man nach langer Forschung bei einer (1) eindeutigen Faktenlage ankommen kann (Erde dreht sich um die Sonne). Eine erdachte Theorie kann man also gegen diese Faktenlage testen, und sie danach als wahr oder falsch bewerten. Der Interpretivist hat einen anderen Zugang: bereits die Ermittlung der Faktenlage ist soweit durch das subjektive Handeln des Wissenschaftlers verzerrt, dass es viele, auch gegensätzliche Fakten geben wird, und man diese komplexe Situation durch Interpretieren beleuchten und darstellen muss.
Im nichtwissenschaftlichen Raum ist der Positivismus eindeutig die vorherrschende Gemütslage. Der normale Mensch wüsste gerne, wo es lang geht, und möchte sich lieber auf Basis eindeutiger Fakten eine Meinung bilden. Interpretivismus ist dagegen anstrengend -- er führt zur Evolutionstheorie, zur Theorie des Klimawandels, zu einer ständigen Diskussion. Schlichte Gemüter scheuen diese Diskussion, weil sie sie nicht verstehen. Sie nehmen die Fakten, die in ihrer eigenen Filterblase angeboten werden, und kommen damit zu einer unumstößlichen Meinung. Die Universität sollte keine Filterblase sein.
Es wäre unsere Aufgabe, ab dem 1. Hochschulsemester diese Unterscheidung klar zu machen und unseren Studierenden einen Kompass zur Bewertung der im Internet angebotenenen "Fakten" mitzugeben. Vielleicht wäre es nicht verkehrt, uns dabei bei der Ausbildung wirklicher Qualitätsjournalisten etwas abzuschauen.
Sonntag, 4. Dezember 2016
Hochschulforum Digitalisierung - Rückblick und Ausblick
Letzten Donnerstag war das Hochschulforum Digitalisierung auch schon wieder vorbei. Naja, nicht ganz, denn es geht noch bis 2020 weiter. Die bisherigen themenorientierten Arbeitsgruppen, die mit hohem Aufwand sehr interessante und hilfreiche Arbeitspapiere zum Thema Digitalisierung der Lehre erstellt haben, haben jedoch ausgedient. Sie werden ersetzt durch Aktivitäten wie Konferenzen und direkte Beratung, die näher an der Nachfrage aus den Hochschulen sind. So ist jedenfalls der Plan.
An dieser Stelle bietet es sich also an, kurz innezuhalten und die Ergebnisse des HFD zu sichten. Im Bereich der Digitalisierung der Lehre ist über die letzten 4 Jahre alles geschrieben und diskutiert worden, was in diesem Bereich zu besprechen war (hatte ich schon die tollen Arbeitsberichte erwähnt?). Hier gibt es einen reichen Schatz an Erfahrungen und "best practices", die an interessierte Hochschulleitungen weitergegeben werden können, sofern diese digitale Lehre als Teil ihrer Strategie wahrnehmen wollen.
Es gibt da diesen Witz von dem Mann, der vor dem Haus seinen Haustürschlüssel verloren hat. Er sucht auf dem Bürgersteig unter der Straßenlaterne und findet nichts. Ein anderer Mann kommt vorbei und fragt, wo er den Schlüssel verloren hat. "Da drüben, im Dunkeln" sagt der Erste. "Aber warum suchen Sie dann hier?" "Hier ist Licht".
Genau hier liegt der Hund begraben. In meiner eigenen Universität betrachten wir die Digitalisierung als umfassendes Phänomen, welches eine Transformation von Forschung, Lehre, Third Mission, Verwaltung, also den gesamten Optionskranz für eine Hochschulstrategie bewirken kann. Sich hier Digitalisierung der Lehre als Einzelproblem herauszugreifen, springt zu kurz. Ich verstehe ja, dass für HAWs, Fachhochschulen, Weiterbildungseinrichtungen etc. Digitalisierung nur über die Lehre funktioniert. Aber das Problem der Universitäten wird vom HFD bisher nicht addressiert.
Für alle diejenigen Kolleginnen und Kollegen in den Hochschulleitungen, deren strategische Überlegungen in diesen Wochen auf die Worte Excellenzcluster, Innovative Hochschule oder 1000-Professuren-Programm hören, ist Digitalisierung der Lehre ein Problem geringer Priorität. Unsere Fragen kreisen um die Themen Forschungsdatenmanagement, Forschungsinfrastrukturen, Open Science Cloud und welche Rolle diese in der Definition zukünftiger Forschung einnehmen. Wie sieht Forschung im 21. Jahrhundert aus, wo kommen die Forschungsdaten her und wo gehen Sie hin? Wie arbeiten unsere Wissenschaftlerinnen weltweit mit anderen zusammen? Wie schaffen wir es, dass unsere Universitäten digital international sichtbar werden und exzellente Nachwuchswissenschaftlerinnen (nicht nur Studierende!) anziehen?
Nicht dort wo es schon hell ist, sondern im Dunklen wird es interessant. Digitale Lehre ist ein Ergebnis strategischer Überlegungen, nicht der Ausgangspunkt. Digitale Forschung zieht Digitale Lehre nach sich. Curriculum Development als Teil einer Hochschulstrategie, Peer-to-Peer-Beratung für Change Management und Organisationsentwicklung, Internationalisierung als bewußte Entscheidung einer Hochschule startet nicht bei einem Problem "Lehre", weil es das in der Form nicht gibt. Zu diesen strategischen Punkten hat das HFD bisher noch wenig geliefert. Ich hoffe, das kommt noch, bis 2020 ist ja noch ein bisschen Zeit.
An dieser Stelle bietet es sich also an, kurz innezuhalten und die Ergebnisse des HFD zu sichten. Im Bereich der Digitalisierung der Lehre ist über die letzten 4 Jahre alles geschrieben und diskutiert worden, was in diesem Bereich zu besprechen war (hatte ich schon die tollen Arbeitsberichte erwähnt?). Hier gibt es einen reichen Schatz an Erfahrungen und "best practices", die an interessierte Hochschulleitungen weitergegeben werden können, sofern diese digitale Lehre als Teil ihrer Strategie wahrnehmen wollen.
Es gibt da diesen Witz von dem Mann, der vor dem Haus seinen Haustürschlüssel verloren hat. Er sucht auf dem Bürgersteig unter der Straßenlaterne und findet nichts. Ein anderer Mann kommt vorbei und fragt, wo er den Schlüssel verloren hat. "Da drüben, im Dunkeln" sagt der Erste. "Aber warum suchen Sie dann hier?" "Hier ist Licht".
Genau hier liegt der Hund begraben. In meiner eigenen Universität betrachten wir die Digitalisierung als umfassendes Phänomen, welches eine Transformation von Forschung, Lehre, Third Mission, Verwaltung, also den gesamten Optionskranz für eine Hochschulstrategie bewirken kann. Sich hier Digitalisierung der Lehre als Einzelproblem herauszugreifen, springt zu kurz. Ich verstehe ja, dass für HAWs, Fachhochschulen, Weiterbildungseinrichtungen etc. Digitalisierung nur über die Lehre funktioniert. Aber das Problem der Universitäten wird vom HFD bisher nicht addressiert.
Für alle diejenigen Kolleginnen und Kollegen in den Hochschulleitungen, deren strategische Überlegungen in diesen Wochen auf die Worte Excellenzcluster, Innovative Hochschule oder 1000-Professuren-Programm hören, ist Digitalisierung der Lehre ein Problem geringer Priorität. Unsere Fragen kreisen um die Themen Forschungsdatenmanagement, Forschungsinfrastrukturen, Open Science Cloud und welche Rolle diese in der Definition zukünftiger Forschung einnehmen. Wie sieht Forschung im 21. Jahrhundert aus, wo kommen die Forschungsdaten her und wo gehen Sie hin? Wie arbeiten unsere Wissenschaftlerinnen weltweit mit anderen zusammen? Wie schaffen wir es, dass unsere Universitäten digital international sichtbar werden und exzellente Nachwuchswissenschaftlerinnen (nicht nur Studierende!) anziehen?
Nicht dort wo es schon hell ist, sondern im Dunklen wird es interessant. Digitale Lehre ist ein Ergebnis strategischer Überlegungen, nicht der Ausgangspunkt. Digitale Forschung zieht Digitale Lehre nach sich. Curriculum Development als Teil einer Hochschulstrategie, Peer-to-Peer-Beratung für Change Management und Organisationsentwicklung, Internationalisierung als bewußte Entscheidung einer Hochschule startet nicht bei einem Problem "Lehre", weil es das in der Form nicht gibt. Zu diesen strategischen Punkten hat das HFD bisher noch wenig geliefert. Ich hoffe, das kommt noch, bis 2020 ist ja noch ein bisschen Zeit.
Donnerstag, 22. September 2016
Open Educational Resources und VG Wort - Wenn zwei sich streiten, freut sich die Uni
Manchmal sind es die kleinen Innovationen, die unbeabsichtigt große Dinge bewirken. Der symbolische Flügelschlag eines Schmetterlings, der viele Äonen später ganze Kontinente verändert. Die Einführung der SMS als Steuerungskanal für Mobiltelefone, der Jahrzehnte später für veränderte Daumenphysiognomie bei Heranwachsenden sorgt.
Nicht jede kleine Innovation ist in ihrer Zeit aber sinnvoll, und manchmal wirkt es auch kontraproduktiv. Nehmen wir einmal das Urheberrecht für gedruckte Materialien, die in der universitären Lehre eingesetzt werden. Nach vielen Jahren der pauschalen Abrechnung von Wissenschaftsministerien mit der Verwertungsgemeinschaft Wort meint diese, jetzt wäre die Zeit gekommen, eine pay-per-use-Innovation einzuführen. In Zukunft soll jede Professorin und jeder Professor beim Hochladen der Unterrichtsmaterialien in das unieigene Moodle-System eine klitzekleine Eingabemaske ausfüllen, damit die VG Wort die korrekten 0.08 EUR für die achtseitige Publikation für 15 Seminarteilnehmer erhält. Ja, wir reden hier über Geldbeträge, die einer wirtschaftlichen Betracht des gesamten Aufwands für den einzelnen Vorgang nicht standhalten. Und wir reden über eine Innovation, die nur für Printmedien gilt, aber nicht für Filme und Töne, da die GEMA weiterhin pauschal abrechnet.
Werden die Professorinnen und Professoren meiner Universität also freudig diese Sonderlocke der VG Wort mitdrehen und jedes Mal die Eingabemaske ausfüllen? Hm. Wird die VG Wort damit mehr oder weniger Einnahmen als bei der früheren Pauschalabrechnung erzielen? Doppel-Hm. Im Fußball wäre das ein Eigentor. Aber ab dem 1.1.2017 soll es gelten. Und was tun wir jetzt?
Einfach. Was für Universitäten zu tun ist, liegt auf der Hand. In Zukunft werden wir nur noch Unterrichtsmaterialien einsetzen, welche frei von Lizenzgebühren zugänglich sind, für die also keinerlei Gebühren an die VG Wort abgeführt werden. Diese Materialien gibt es zuhauf und sie werden immer mehr. Das MIT stellt Open Course Ware seit 2001 online. Das Bundesministerium für Wissenschaft fordert und fördert die Open-Access-Publikation von Forschungsergebnissen, welche die Grundlage für universitäre Lehre sind. Und im Bereich Open Educational Resources tut sich in Deutschland mittlerweile eine ganze Menge, auch wenn es im internationalen Vergleich etwas gedauert hat.
Kleine Innovation, große Wirkung: welche Effekte sind zu erwarten. Die VG Wort nimmt derzeit jährlich ca. 1,2 Mio. EUR aus Intranetnutzungen an Hochschulen ein. Dieses Geld kann eingespart werden. Die VG Wort bekommt ca. 1 Mio. EUR weniger pro Jahr (bei Einnahmen insgesamt von 140 Mio. EUR verschmerzbar); die Wissenschaftsministerien der Länder können (zusammen!) 1 Mio. EUR mehr in die Unis stecken (also noch nicht mal eine Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters pro Bundesland).
Die Leidtragenden sind die Lehrbuchverlage und die Studierenden. Für Wissenschaftler ist es in Zeiten von "publish or perish" ohnehin kontraproduktiv, Aufwand in die Erstellung (nicht-englischsprachiger) Lehrbücher zu stecken. Der Bärendienst, den die VG Wort den Verlagen dadurch erweist, implizit OER in Deutschland zu pushen, wird die Verlagslandschaft in dem Bereich nachhaltig verändern.
Nicht jede kleine Innovation ist in ihrer Zeit aber sinnvoll, und manchmal wirkt es auch kontraproduktiv. Nehmen wir einmal das Urheberrecht für gedruckte Materialien, die in der universitären Lehre eingesetzt werden. Nach vielen Jahren der pauschalen Abrechnung von Wissenschaftsministerien mit der Verwertungsgemeinschaft Wort meint diese, jetzt wäre die Zeit gekommen, eine pay-per-use-Innovation einzuführen. In Zukunft soll jede Professorin und jeder Professor beim Hochladen der Unterrichtsmaterialien in das unieigene Moodle-System eine klitzekleine Eingabemaske ausfüllen, damit die VG Wort die korrekten 0.08 EUR für die achtseitige Publikation für 15 Seminarteilnehmer erhält. Ja, wir reden hier über Geldbeträge, die einer wirtschaftlichen Betracht des gesamten Aufwands für den einzelnen Vorgang nicht standhalten. Und wir reden über eine Innovation, die nur für Printmedien gilt, aber nicht für Filme und Töne, da die GEMA weiterhin pauschal abrechnet.
Werden die Professorinnen und Professoren meiner Universität also freudig diese Sonderlocke der VG Wort mitdrehen und jedes Mal die Eingabemaske ausfüllen? Hm. Wird die VG Wort damit mehr oder weniger Einnahmen als bei der früheren Pauschalabrechnung erzielen? Doppel-Hm. Im Fußball wäre das ein Eigentor. Aber ab dem 1.1.2017 soll es gelten. Und was tun wir jetzt?
Einfach. Was für Universitäten zu tun ist, liegt auf der Hand. In Zukunft werden wir nur noch Unterrichtsmaterialien einsetzen, welche frei von Lizenzgebühren zugänglich sind, für die also keinerlei Gebühren an die VG Wort abgeführt werden. Diese Materialien gibt es zuhauf und sie werden immer mehr. Das MIT stellt Open Course Ware seit 2001 online. Das Bundesministerium für Wissenschaft fordert und fördert die Open-Access-Publikation von Forschungsergebnissen, welche die Grundlage für universitäre Lehre sind. Und im Bereich Open Educational Resources tut sich in Deutschland mittlerweile eine ganze Menge, auch wenn es im internationalen Vergleich etwas gedauert hat.
Kleine Innovation, große Wirkung: welche Effekte sind zu erwarten. Die VG Wort nimmt derzeit jährlich ca. 1,2 Mio. EUR aus Intranetnutzungen an Hochschulen ein. Dieses Geld kann eingespart werden. Die VG Wort bekommt ca. 1 Mio. EUR weniger pro Jahr (bei Einnahmen insgesamt von 140 Mio. EUR verschmerzbar); die Wissenschaftsministerien der Länder können (zusammen!) 1 Mio. EUR mehr in die Unis stecken (also noch nicht mal eine Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters pro Bundesland).
Die Leidtragenden sind die Lehrbuchverlage und die Studierenden. Für Wissenschaftler ist es in Zeiten von "publish or perish" ohnehin kontraproduktiv, Aufwand in die Erstellung (nicht-englischsprachiger) Lehrbücher zu stecken. Der Bärendienst, den die VG Wort den Verlagen dadurch erweist, implizit OER in Deutschland zu pushen, wird die Verlagslandschaft in dem Bereich nachhaltig verändern.
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