Der Wissenschaftsrat hat im Februar 2026 ein Papier zu "Wissenschaft in Deutschland - Perspektiven bis 2040" veröffentlicht. Die Überlegungen beinhalten auf S.58ff. vier Szenarien, wie sich die Wissenschaft in Deutschland aufstellen könnte. Im folgenden möchte ich einmal bewerten, welche Konsequenzen jedes Szenario auf die Aufstellung und Wichtigkeit der hochschuleigenen Informationstechnologie hätte. Das Papier des WR schweigt sich darüber im Großen und Ganzen aus -- im Sinne von Change Management ist es aber sicherlich nicht verkehrt, sich darüber Gedanken zu machen.
Das Szenario "Die Wissenschaftsrepublik" ist sicherlich das optimistischste und damit auch unwahrscheinlichste Ergebnis. Die Umschichtung von staatlichem Budget in die Wissenschaft, bis hin zu einer Verdopplung der bestehenden Ausgaben, ist im Hinblick auf die demographischen Kosten einer alternden Bevölkerung eher unwahrscheinlich. Sollte das Szenario aber eintreten, würde das Budget im digitalen Bereich vermutlich für große, staatlich finanzierte Cloud- und KI-Infrastrukturen ausgegeben werden müssen, um Ersatzbeschaffungen für in den späten 2020er und den 2023er Jahren gebaute Rechenzentren (AI Giga Factories) zu tätigen. Die Hochschul-Rechenzentren können den lokalen Support für Arbeitsplätze in Forschung, Lehre und Verwaltung organisieren; große Forschung passiert aber nicht mehr on-premise, sondern in staatlich finanzierten Rechenzentren.
Das Szenario "Die instrumentalisierte Wissenschaft" zeichnet ein Bild der Dominanz der Forschung durch die Verfügbarkeit des Zugangs zu Hyperscalern, zusammen mit einer Senkung der staatlichen Förderung insgesamt. In diesem Szenario müssen die Lizenzkosten für eine wettbewerbsfähige Forschung durch Eigenmittel der Hochschule aufgebracht werden: Campuslizenzen für OpenAI, Google, Microsoft sind nicht fakultativ, sondern grundlegende Notwendigkeit. Damit wird die Schere zwischen drittmittelstarken (technischen) Hochschulen und drittmittelschwachen Hochschulen weiter geöffnet. Nur mit der Möglichkeit, Cloud- und KI-Zugänge aus Overheads zu bedienen, kann die Hochschule attraktive Arbeits- und Lehrbedingungen bieten. Die Hochschul-Rechenzentren, ebenso wie die gesamte Verwaltung, müssen mit Personal- und Budgetknappheit leben.
Das dritte Szenario "Die situative Wissenschaftspolitik" zeichnet sich durch opportunistisches, wenig strategisches Vorgehen aus. Investitionen sind kurzfristig orientiert, was eher zu einem Nachlaufen als einem Vorangehen führt. In diesem Szenario bleiben KI- und Cloud-Infrastrukturen Ländersache, was zu einer Zersplitterung von Investitionsbudgets führt. Um bei der Digitalisierung der Hochschulen Fortschritte zu machen, ist es seitens der Hochschulen notwendig, sich zusammen zu schließen und Anstrengungen für Forschung und Verwaltung selbst zu bündeln. Beispiele könnten föderierte Diensteportale und/oder eine Fokussierung auf wenige Rechenzentren sein, die alle Angebote mandantenfähig bedienen.
Das letzte Szenario "Der globale Forschungsraum" ist grundsätzlich wieder optimistischer, allerdings wird die Sphäre der Aktivität aus dem nationalen in den supranationalen Raum verschoben. In diesem Szenario wird die deutsche Forschungspolitik noch stärker durch EU-Aktivitäten bestimmt. Große Digital-Forschungsinfrastrukturen wie AI Gigafactories werden international gesteuert. Der Einfluss der einzelnen Hochschulen auf ihre digitale Ausstattung schwindet und wird ersetzt durch überstaatlich finanzierte Zugänge, die aber keine Differenzierungsmöglichkeiten mehr zulassen. Die Aufgabe der länderfinanzierten Hochschule wird sich eher auf die Ausbildung und Lehre konzentrieren, während relevante Forschung in größeren Forschungsinstituten stattfindet. Das IT-Budget konzentriert sich auf die Unterstützung der Lehre und Verwaltung, eigene, dauerhafte Forschungsausrüstung wie z.B. HPC-Cluster werden durch die Länder mittelfristig nicht mehr finanziert.
Diese vier Szenarien sind alle nicht so weit hergeholt und tragen jeweils ein Körnchen Wahrheit in sich. Allen gemeinsam sind aber fundamentale Fragen nach der Rolle (und damit dem Budget) der lokalen Hochschul-IT, und der Aufgabe und Qualifikation ihres Personals. Im Sinne eines funktionierenden Change Management wäre es sinnvoll, diese Fragen jetzt zu diskutieren und nicht erst bis 2040 zu warten.